Craftivism klingt für mich nach Kraft, auch wenn Craft in Wirklichkeit Handwerk heißt und auch für Handarbeit steht. Craftivism ist ein (gar nicht sooo) neuer Trend, der Stricken, Häkeln, Sticken und Nähen aus der plüschig-verschlafenen Spießbürger-Ecke befreit und ans Licht der Aktivist:innen holt.
Die Abbildung – wenn auch von Copilot mit reichlich KI-Kitsch versehen – zeigt, worum es geht. Frau und Mann, Jung und Alt, erarbeiten zusammen Material für eine Aktion. Bestens für ein Gemeinschaftswerk geeignet sind Granny Squares, aus Wollresten gehäkelte Quadrate, die beliebig zusammengesetzt werden können. Daraus kann ein Slogan entstehen, eine Decke, Kissenbezüge, Schals oder andere Kleidungsstücke.
Meine eigene Begeisterung für diese Idee aus der Hippie-Zeit, die seit einigen Jahren eine Renaissance erlebt, hat sich in meinem Handarbeitskrimi Grausames Garn gezeigt. Für mich hieß es: Grannys kennenlernen – und verloren sein … Manche Nächte gerieten definitiv zu kurz.
Anders als in Henris Häkelclub verbinden Aktivist:innen mit dem Handarbeiten eine (politische) Botschaft – was ihnen dabei einfällt, lässt staunen!

Wenn man mehreren Leidenschaften frönt, fragt man sich früher oder später: Was haben die miteinander zu tun?
Gerade fällt mir wieder auf, wie selektive Wahrnehmung funktioniert.
Wenn ich mir mein Publikum basteln, backen oder stricken könnte – dann wäre es genauso wie meine Zuhörerinnen während der Langen Stricknacht im
Selbst bei den Tätigkeiten, die man leidenschaftlich ausführt, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem man sich die Frage stellt: Lohnt sich der Aufwand?
Ich sitze in der Sommersonne auf dem Balkon und halte ein luftig-leichtes Strickprojekt in den Händen. Vonwegen! Ich schwitze in der Sonne und halte in den Händen: einen schweren, warmen, halbfertigen Winterpullover! Es ist genau wie beim Romanschreiben: Ich muss vorausschauend arbeiten.
Da habe ich nun schon Masche an Masche an Masche gereiht, dass die Stricknadeln glühen – und doch ist das Ende nicht in Sicht. Dabei macht mir die Anleitung großen Spaß – es handelt sich um das
»Ich weiß nicht weiter«, dachte Henri und starrte die Wand an. Nach zwei Stunden saß er immer noch vor der Wand, im Kopf nichts als Watte. Er fragte sich: ????
Weil mir beim Arbeiten manchmal die Geduld ausgeht, habe ich meist verschiedene Projekte gleichzeitig am Wickel. Brauche ich z.B. 50 Quadrate für einen Patchwork-Schal oder eine Babydecke, kann es passieren, dass ich die ersten zehn euphorisch in Windeseile fertigstelle. Dann jedoch mag ich die immergleiche Wolle nicht mehr sehen – die Arbeit ruht. Auch bei einem Roman lassen sich die ersten zwei, drei Kapitel oft wie von Zauberhand schreiben. Dann wird es plötzlich zäh …
Was war zuerst da: der Sommerschal oder die Idee, Henri einen häkeln zu lassen? In diesem Fall kann ich es genau sagen – die Stola war zuerst da. Doch sie sollte nicht die einzige bleiben. Denn kaum war die Textpassage um Henris Werk verfasst, bekam ich Lust, einen weiteren Sommerschal zu fertigen. Ich hatte mir beim Schreiben verschiedene Modelle vorgestellt – und plötzlich hörte ich diesen Wollgutschein, ein Geschenk von Kolleg*innen, unüberhörbar nach mir rufen! Ich nenne das: Inspiration im Zickzack.
Sowohl beim Schreiben als auch beim Handarbeiten kann man sich nach Belieben für die kleine oder für die große Form entscheiden. Manchmal möchte ich schnell einen Erfolg sehen, brauche das Gefühl, etwas geschaffen und geschafft zu haben. Dann schnappe ich mir zwei, drei Restknäuel und häkele ein Blümchen – in der Gewissheit, dass es weitere derartige Anwandlungen gibt. Nach und nach werde ich also genügend Blüten für ein größeres Projekt beisammen haben.
Wer schreibt, kann etwas Neues schaffen. Mögen auch ähnliche Begebenheiten schon beschrieben worden sein, so weist doch die eigene Geschichte eine individuelle – mit Glück unverwechselbare – Erzählstimme auf. (Jedenfalls, wenn es sich nicht um ein Plagiat handelt.) Auch wer häkelt, strickt, stickt oder näht, kreiert etwas. Am Ende des Prozesses gibt es ein neues Produkt. Man sieht, was man getan hat. Und doch gibt es einige Unterschiede.
Stellen Sie sich vor, Sie sind Hat-Hunter, doch es ist Lock-Down und Sie müssen sich zu Haus beschäftigen. Da entdecken Sie beim Aufräumen einen Karton mit Baumwolle, lauter verschiedene Farben. Spontan haben Sie eine Idee: Häkelkappe! Sie wollten doch schon immer mal ausprobieren, ob sie die Passform hinbekommen. Und ist eine Kappe nicht auch irgendwie ein Hut?
