Sich selbst überlisten im Quadrat

Ein Stapel gehäkelte QuadrateManchmal liegt ausgerechnet dann ein hübsches Wollknäuel neben dem Laptop, wenn man sich mit dem Schreiben schwertut. Ist mir gerade erst passiert. Und so nahm das folgende Geschehen seinen Lauf.

  1. Ich könnte ja probeweise ein paar Maschen häkeln – aber wirklich nur um zu sehen, ob die Nadelstärke, die ich mir vorstelle, zur Wolle passt.
  2. Oh, tatsächlich: passt! Sieht eigentlich ganz gut aus. Könnte man was draus machen. Aber na ja, ich habe mir ja vorgenommen, diesen Text endlich fertigzustellen.
  3. 2 Wollknäule und ein HäkelquadratGenauer gesagt: Fertig ist er ja längst, der Text. Es steht auch schon fest, dass er in eine Anthologie aufgenommen wird. Also eigentlich alles paletti – nur mit den Anmerkungen aus dem Lektorat muss ich mich noch auseinandersetzen. Das bisschen Feinarbeit …
  4. Witzig, der Text spielt an der Ostsee, und diese Wollreste, die ich da neulich zusammengesammelt habe, haben die Farben des Himmels und des Meers. Hellblau, azur, türkis, grün. Schöne Farben!
  5. Die Ostsee, ach ja, und ihre Tücken … ein Seeungeheuer, das der Sage nach Harfen aus Menschenknochen baut.
  6. Die Geschichte, ach ja, und die Tücken der Feinarbeit. Kann ich das Ungeheuer auch als ›Monster‹ bezeichnen? Oder weckt das falsche Assoziationen?
  7. Feinarbeit, ach ja. Ich hatte doch neulich so ein Häkelmuster entdeckt, das ganz nett aussah. Wo habe ich es noch gleich hingelegt?
  8. Text mit AnmerkungenMonster? Untier? Schon eher.
  9. Hatte ich das Muster nicht als Lesezeichen in Dörte Hansens ›Mittagsstunde‹ verwendet? Schnell mal nachsehen, bevor ich es wieder vergesse!
  10. Da ist es ja wirklich! Wie – erst häkelt man einen Kreis, und dann soll daraus ein Quadrat werden?! Die müssen sich irren. Falsche Häkelschrift.
  11. Untier? Mit derselben Vorsilbe wie Ungeheuer klingt es zu ähnlich. Was meint die Lektorin? Ich soll es beim Namen nennen: Roggenbuk. Na gut.
  12. Blaue, grüne und türkise HäkelquadrateAch Mist, jetzt habe ich ›Roggenbuk‹ dreimal hintereinander in zwei kurzen Absätzen verwendet. Das geht gar nicht!
  13. Ob das mit dem Quadrat doch funktioniert? Das wäre ja ein Ding.
  14. Wow – funktioniert! Sieht gut aus in Türkis. In Blau wirkt es bestimmt auch, schnell mal testen … stimmt.
  15. Ich springe erst mal an eine andere Textstelle, sonst komme ich ja nie voran! Die Lektorin hat Rechtschreibfehler moniert – okay, das ist schnell geändert. Muss es wirklich ›jedes Mal‹ heißen? Ja, sagt der Duden. Wieder was gelernt.
  16. Die grüne Wolle ist ein bisschen stärker als die anderen. Wieviel größer so ein Quadrat wohl würde? Kleine Unterschiede könnte ich beim Dämpfen ausgleichen …
  17. Zurück zum Roggenbuk. O nee – ich kann mich nicht entscheiden, wie ich’s schreiben soll. Ich mache morgen weiter.
  18. Material für einen Patchwork-SchalNanu, das ist ja schon ein ganzer Stapel an Häkelquadraten! Wie schnell das doch geht, wenn man dabei über Formulierungen sinniert …
  19. Könnte das einen Patchwork-Poncho ergeben? Mal messen!
  20. Wie schade, für einen Poncho reicht es nicht, nicht mal für einen klitzekleinen. Dabei fügen sich selbst die grünen Quadrate gut an die anderen. Und nun?
  21. Ich schreibe einfach vom Wassermann mit den grünen Haaren! Die Formulierung beißt sich mit keiner anderen, und es steckt sogar noch Information darin. Gute Idee!
  22. Schal auf dem BügelbrettIch lege die Quadrate mal längs zusammen, immer zwei nebeneinander. Jetzt reicht es für einen Patchwork-Schal. Gute Idee!
  23. Noch noch eine Idee: Ich werde den Schal bei der Lesung der Seeungeheuer-Geschichte tragen! Die Anthologie bekommt voraussichtlich den Titel »Wasser.Zeichen«. Bin gespannt, wie sie wird! Ich jedenfalls habe meine Geschichte rechtzeitig abgegeben.

Fotos: Karla Letterman

 

Über Karla Letterman

Krimiautorin und Kolumnistin aus Lübeck. Stammt aus dem Harz und hat in Göttingen und Hamburg gelebt.
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