Criminale: Rückschau statt Vorfreude

Lesung im Aachener KrönungssaalHeute wäre meine Aufregung hochgeschnellt. Ich hätte mich auf den Weg gemacht, es wäre eine Reise von vier bis fünf Stunden gewesen, von Lübeck nach Iserlohn. Meine Fantasie geht mit mir durch: Am Abend würde ich die ersten Bekannten treffen. Würde ich doch, oder? Sabina Naber, Krimiautorin aus Wien, meine Criminale-Patin von 2019, hätte bestimmt Zeit für ein Kaltgetränk an der Bar.

Was konnten wir herrlich miteinander lästern, damals. Und jetzt hat sie gerade ihr neues Buch herausgebracht! Sie würde mir viel zu erzählen haben …

Regenschirmdamen-Skulptur in AachenCut. Es herrscht Corona.

Die Criminale, das Krimi-Festival der Autor*innenvereinigung Syndikat, findet natürlich nicht in Iserlohn statt, sondern in der Cloud – oder wo auch immer die Videokonferenz-Plattformen ihre Daten zusammenmengen. Deshalb kann die Veranstaltung auch nur der Abklatsch eines Festivals werden. Oder wie soll man sich übers Internet – mit hunderten von Ohrenzeugen – geheime Tipps zuraunen?!

Die Criminale 2019 in Aachen war meine erste. Ich wusste nur, dass das Krimifestival einen exzellenten Ruf bei Autor*innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz genießt, und war voller Vorfreude, weil ich die Aufnahmebedingungen für das Syndikat erfüllt hatte und dabei sein konnte. Beim Spaziergang durch die Stadt entdeckte ich übrigens die Regenschirmdamen – sie pflegen ihren eigenen Umgang mit allem, was aus Wolken kommt.

Spannende Workshops, spannende Stadt

Leere SitzgruppeMeine Vorfreude damals war berechtigt, denn es gab spannende Workshops und lebhafte Diskussionen. Wann wird eine BKA-Beamtin eingeschaltet? Wie meistert ein Autor am elegantesten die Angst vor der Lesung? Wie knackt man wirklich ein Türschloss (anders als im Fernsehkrimi behauptet wird)?

Überdies gewann ich beim Stadtrundgang interessante Einblicke. Das ehrwürdige Rathaus mit dem pompösen Krönungssaal gehört genauso zu Aachen wie ein Proteststand vor dem Dom. Eine Sitzgruppe mit runden Tischen, die ich vor der Café-Öffnung, also ohne Menschen, knipste, erscheint mir heute symbolisch. Nicht für Aachen, sondern für die ausgefallenen Treffen seitdem.

Und so werde ich mich mit einem Rückblick begnügen müssen, soweit es Krimi-Lehrgänge und geflüsterte Empfehlungen betrifft. Auf die Preisverleihungs-Gala allerdings freue ich mich auch als virtuelle Veranstaltung, denn das Syndikat hat schon 2020 bewiesen, dass es Glamour auch im Netz erzeugen kann.

Damals dachten wir noch, die virtuelle Veranstaltung anstelle des Präsenz-Events in Hannover wäre ein einmaliger Notbehelf.

Taxistand in Aachen Nacht bei der Criminale in Aachen Aachener Dom


Fotos: Karla Letterman

Über Karla Letterman

Krimiautorin und Kolumnistin aus Lübeck. Stammt aus dem Harz und hat in Göttingen und Hamburg gelebt.
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