Wiederholt wurde die Frage laut, wer wohl die Macher:innen des Lübecker Mystery Month sind. Verständlich, denn bevor man einem Fotografen nachts auf unbelebte, verwinkelte Pfade folgt, bevor man sich einer Malerin anvertraut, die zugibt, dass sie ein Faible für Stundengläser und allerlei Kerzen hat, möchte man lieber ein wenig mehr über eben diese Workshop-Anbieter wissen.
Die Titel klingen interessant, jedoch unverfänglich: Nachtfotografie im Hafen und Aus dem Schatten gehoben. Gerade letzteres verführt zur Assoziation „aus dem Schatten ans Licht zerren“ und lässt einen an die Aufklärung düsterer Sachverhalte denken. Allein …
… Zweifel scheinen angebracht. Schließlich weiß man spätestens seit der Geschichte vom Rotkäppchen: Nicht jeder, der sich harmlos gibt, ist es auch! Und haben uns nicht ebenfalls in der Kindheit die Abenteuer der drei ??? gelehrt, dass selbst die gefährlichsten Gauner ein nettes Lächeln trainieren können?
Deshalb scheint ein genauerer Blick hinter die Fassaden ratsam.
Da ist zum einen die Malerin, Vivien Thiessen (rechts im Bild). In freundliches Himmelblau gekleidet, lockt sie uns mit wunderschön eingefangenen maritimen Momenten auf ihre Website. Und dann in ihr Atelier. Doch Achtung: Im Workshop Aus dem Schatten gehoben hat sie die Absicht, arglose Kunstfreunde mit Bildern von Pieter Claesz, Cornelis van der Meulen und Hans Holbein vertraut zu machen. Im nächsten Schritt folgt dann der Hammer: Die Teilnehmenden werden dazu angeleitet, Totenschädel zu malen! Und zwar bei diffusem Kerzenschein. Es handelt sich dabei nicht etwa um gewöhnliche Tafelkerzen. Sondern um … jawohl: Grablichter.
Da erscheint der Inhalt des Workshops Nachtfotografie im Hafen wesentlich beruhigender. Jedenfalls auf den ersten Blick. Denn: Es gehe dem Fotografen Thomas Schmitt-Schech dabei um „gezielten Einsatz von Lichtstimmung“ und um die „Farbtemperatur der einzelnen Lichtquellen“, so die offizielle Verlautbarung. Aber Aufgepasst: Wer, bitte schön, sagt einem denn, dass man in dieser geheimnisumwitterten Gegend überhaupt auf Lichtquellen trifft, die diesen Namen verdienen? Garantiert wird das nirgends!
Dann wäre da noch die dritte im Bunde, die Autorin Karla Letterman. Sie lädt während des Lübecker Mystery Month zu Lesungen ein – ganz harmlos. Doch man achte einmal auf die ungewöhnliche Anfangszeit, 16:55 Uhr oder – anders ausgedrückt – fünf vor fünf! Man kann recherchieren, was sie uns mit dieser Häufung der Fünf, einer mystischen Zahl mit vielerlei Bedeutungen, sagen will. Oder man lässt ihre Phantasie, die sie in folgendem Textfragment preisgibt, einmal auf sich wirken …
Gestrandete Seeleute können dem lieblichen Lockruf nicht widerstehen. So komm doch, tritt ein! Mit letzter Kraft taumeln sie in einen großen, mit düsterer Wandmalerei versehenen Raum im Erdgeschoss eines erschöpften Wohnhauses. Doch wie ist ihnen plötzlich zumute? Sie wähnen sich an Deck des sinkenden Schiffes, dessen Havarie sie doch überstanden glaubten! Als ihnen die Sirenen in den Sinn kommen, stehen sie längst in ihrem Bann. Sie haben sich einlullen lassen. Zu spät, es gibt kein Entkommen.
Fazit: Ob die nett lächelnden Veranstalter:innen so harmlos sind, wie sie uns suggerieren wollen, sollte jede:r nach dieser kleinen Enthüllunsstory selbst entscheiden …


