Lübeck, Hafengegend, November. Diffuses Licht, irgendwo zwischen Tagestiefstand und Nachtgrauen, lässt undeutbare Schemen an Wegesrändern vibrieren. Die Brise von der Trave her, vermeintlich mild, treibt den Menschen nasskalte Nebeltropfen unter die Jacke, unter das Hemd. Nur die Tapferen sind noch unterwegs. Sie erschauern. Da – eine Schar Petroleumlampen, aufgereiht auf einer breiten Fensterbank, wirft warmes Licht auf den Gehweg. Eine Einladung! Die Verheißung auf warmen Tee und freundliche Gesellschaft. Tritt ein, Fremder, komm näher! So komm doch! Leise, eindringliche Weisen locken die novembermüden Wanderer.
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Gestrandete Seeleute können dem lieblichen Lockruf nicht widerstehen. So komm doch, tritt ein! Mit letzter Kraft taumeln sie in einen großen, mit düsterer Wandmalerei versehenen Raum im Erdgeschoss eines erschöpften Wohnhauses. Doch wie ist ihnen plötzlich zumute? Sie wähnen sich an Deck des sinkenden Schiffes, dessen Havarie sie doch überstanden glaubten! Als ihnen die Sirenen in den Sinn kommen, stehen sie längst in ihrem Bann. Sie haben sich einlullen lassen. Zu spät, es gibt kein Entkommen.
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Die durchgefrorenen Reisenden haben einen Ruhepol gefunden. Sie nehmen die Gastfreundschaft eines noch spät arbeitenden Künstlerkollektivs in Anspruch. Gern lassen sie sich auf einfachen, aber bequemen Stühlen nieder und wärmen ihre klammen Finger an dampfenden Teetassen.
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Die Novemberwanderer drücken ihre Gesichter an die Scheiben, um genau in Augenschein zu nehmen, was sie jenseits des Petroleumlampenscheins erwartet. Da sitzt eine Runde Männer und Frauen in groben, verdreckten Arbeitshosen beisammen. Sie reden, trinken, lachen. Einer winkt die Fremden herein. Sie folgen der Einladung, ziehen sich Stühle heran und erweitern den Kreis. Interessiert lauschen sie den alten Geschichten, von denen die Hafenleute berichten.
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Ein Grüppchen Schüler hat sich verlaufen. Die Akkus ihrer Smartphones sind vom vielen Videoschauen leer. Da, endlich ein Licht, endlich andere Menschen, endlich können sie nach dem Weg fragen! Etwas zögerlich betreten sie den spärlich beleuchteten Raum. Eine Staffelei steht im Zentrum, es riecht nach Lösungsmittel. Auf dem Boden ein vor grauer und schwarzer Farbe starrender Pinsel, daneben ein verkrusteter Lappen. Niemand zeigt sich. Sie rufen. Nichts regt sich. Das Bild auf der Staffelei zeigt eine Heerschar Vögel mit gierig geröteten Augen im Anflug auf die Betrachter. Sie drehen um, reißen die Tür auf, nichts wie weg! Doch wo ist der Gehweg? Sie sehen nichts als grelles Weiß. Hunderte Raubmöwen starren sie an.
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Ein fröstelndes Pärchen folgt erleichtert dem warmen Schein der Petroleumlampen, bis es vor einer breiten Fensterfront steht. Drinnen ist ein Atelier zu erkennen, ein Mann und eine Frau in farbbeschmierten Latzhosen hieven ein Bild von einer riesigen Staffelei. Der Mann nickt dem Pärchen zu: Tretet ein! Die Frau ist erkennbar darauf bedacht, die Vorderseite des Bildes zu verdecken. Als es an der Wand abgesetzt ist, verschwindet sie hinter einer winzigen Tapetentür, um kurz darauf lächelnd mit zwei duftenden Teetassen herbeizueilen. Dankbar trinken die Gäste davon, langsam wird ihnen warm. Doch warum … fühlen sie sich … plötzlich … so schrecklich … benommen …?


