Craftivism klingt für mich nach Kraft, auch wenn Craft in Wirklichkeit Handwerk heißt und auch für Handarbeit steht. Craftivism ist ein (gar nicht sooo) neuer Trend, der Stricken, Häkeln, Sticken und Nähen aus der plüschig-verschlafenen Spießbürger-Ecke befreit und ans Licht der Aktivist:innen holt.
Die Abbildung – wenn auch von Copilot mit reichlich KI-Kitsch versehen – zeigt, worum es geht. Frau und Mann, Jung und Alt, erarbeiten zusammen Material für eine Aktion. Bestens für ein Gemeinschaftswerk geeignet sind Granny Squares, aus Wollresten gehäkelte Quadrate, die beliebig zusammengesetzt werden können. Daraus kann ein Slogan entstehen, eine Decke, Kissenbezüge, Schals oder andere Kleidungsstücke.
Meine eigene Begeisterung für diese Idee aus der Hippie-Zeit, die seit einigen Jahren eine Renaissance erlebt, hat sich in meinem Handarbeitskrimi Grausames Garn gezeigt. Für mich hieß es: Grannys kennenlernen – und verloren sein … Manche Nächte gerieten definitiv zu kurz.
Anders als in Henris Häkelclub verbinden Aktivist:innen mit dem Handarbeiten eine (politische) Botschaft – was ihnen dabei einfällt, lässt staunen!
Zum Internationalen Frauentag hatten die OMAS GEGEN RECHTS aus Buxtehude dazu aufgerufen, Häkelquadrate für ein Band der Menschlichkeit einzureichen. In Karlsruhe, Celle und Eutin häkelte man fleißig mit. Die OMAs waren überwältigt von der Beteiligung!

Ein aufsehenerregendes Kunstprojekt, das gleichzeitig auf ein leicht übersehenes Umweltproblem aufmerksam macht, ist das gehäkelte Korallenriff, das ebenfalls in Gemeinschaftarbeit geschaffen wurde. Viele tausend Menschen häkelten mit, um auf das Ausbleichen und Verschwinden der natürlichen Korallenriffe aufmerksam zu machen.
Strick-Aktivismus für dänische Statuen
Meine bisherige Lieblingsaktion stammt von dänischen Feministinnen. Ihre Beobachtung: Der Großteil der Statuen im öffentlichen Raum zeigt berühmte Männer – gut gekleidet und mit Insignien der Macht versehen. Es gibt zwar auch Frauenstatuen – doch meist sind sie nackt und namenlos. Nur wenige Statuen in Dänemark zeigen Frauen, die eine Bedeutung für die dänische Geschichte haben.
Um auf diese Ungleichbehandlung aufmerksam zu machen, strickten Aktivistinnen den unbekleideten Gänsemädchen, Müttern und Damen bei der Morgentoilette flotte Outfits – und lenkten nicht nur freundliche Blicke auf ihre Beobachtung. Immerhin hat der dänische Kulturminister verstanden, worum es geht (Übersetzung nach SWR-3): „Wenn ein kleines Mädchen oder eine junge Frau durch Dänemark reist und unsere Statuen im öffentlichen Raum sieht, könnten sie leicht den Eindruck bekommen, dass der Wert einer Frau vor allem in ihrem Körper liege. Frauen haben eine bedeutsame Rolle in unserer gemeinsamen Geschichte gespielt, und unser öffentlicher Raum sollte das widerspiegeln.“ Der Mann sprach’s – und bewillgte umgerechnet 1,3 Mio. Euro für neue Statuen, die bedeutende Frauen darstellen!
Es gibt noch mehr Beispiele für Craftivism. Eine schöne Aufzählung bietet der Blog von Stefanie alias „Verdrehte Masche“. Und nun geht’s los – eigene Projekte planen!


