Häkeln mit Helikopter-Begleitung

hÄKELN MIT hELIKOPTER-BegleitungDrei Tage auf See, mit Abstecher nach Helsinki. Drei Tage Häkeln. Und zweimal abends eine Lesung anbieten. Das klang für mich nach Meer und mehr und damit ganz hervorragend. Also ließ ich mich auf diese Reise ein.

Womit ich nicht gerechnet hatte: Dass bei stürmischer See plötzlich ein Rettungs-hubschrauber neben mir schweben würde. Da wurde aus dem flauen Magen ein insgesamt ziemlich mulmiges Gefühl …

Doch von vorn.

Ein Mann am Akkordeon spielt vor Publikum

Der Mann am Schifferklavier sang mit uns Shantys

Die Reise nannte sich „Häkeln & Meer“ und führte mit der Fähre (einem richtig großen „Pott“, wie man in Lübeck sagt) von Travemünde nach Helsinki und zurück. An Bord gab es nicht nur hervorragendes Essen, sondern Workshops rund um die Themen Wolle und Häkelnadel. Sogar ein Häkelyoga-Programm wurde angeboten – inklusive Übungen für die verspannten Hände.

Ich war an den ersten beiden Abenden für je eine Lesung engagiert, hatte also tagsüber genügend Zeit, am Kurs- und Unterhaltungsprogranmm teilzunehmen. Deshalb sang ich begeistert von La Paloma und der nächtlichen Reeperbahn und lernte Tunesisch Häkeln.

Stippvisite in Helsinki

Ein großes graues Gebäude in HelsinkiLaut Programm sollten wir vier Stunden Zeit für Helsinki haben. Das ist wenig genug, und so hatte ich mir nur drei Sehenswürdigkeiten herausgesucht und die Route geplant.

Eine russisch-orthodoxe Kathedrale mit goldener KuppelspitzeDoch dann schmolz die Aufenthaltszeit immer mehr zusammen. Zunächst dauerte es länger als vermutet, bis alle Passagier:innen im Shuttlebus saßen. Dann mussten wir auch noch vor dem Zollgebäude aussteigen, durch das Haus marschieren (wo nichts geschah, weder Kontrolle noch Befragung) und uns wieder in den Bus zwängen. Und so blieb für die Stadtbesichtigung nur noch zwei Stunden Zeit.

Ich achtete auf die für Helsinki typischen Architekturstile Klassizismus, Jugendstil und Funktionalismus und sah zu, dass ich einen guten Blick auf die Uspenski-Kathedrale erwischte. Traurig war ich, dass die Zeit nicht mehr für die Temppeliaukio-Kirche reichte. Froh war ich, dass wir sonniges Wetter hatten.

Die Lesungen

Karla Letterman liest vor PublikumIch werde nicht müde zu erwähnen, wie gern ich vor häkelndem oder strickendem Publikum lese. Insofern fühlte ich mich bei beiden Lesungen sofort wohl.

Karla Letterman zeigt einen gehäkelten HausschuhUngewohnt war allerdings die Akustik im großen Speisesaal. Denn dort war die Bühne aufgebaut. Wenn ich geradeaus sah, blickte ich auf die Zuhörer:innen. Doch auch zu meiner Rechten war der Saal offen, und ich hörte muntere Diskussionen, Rufe und Lachen und war anfangs irritiert, weil ich davon ausging, dass auch mein Publikum die Störgeräusche wahrnahm. Dies war zum Glück nicht der Fall.

Und so hatte ich dessen Aufmerksamkeit nicht nur beim Lesen, sondern auch, als ich einen Sofaschuh (ein Muster der Häkelanleitung im Buch Grausames Garn) präsentierte.

Das Wetter

Dunkle Wolken am blauen Himmel

Wolken sorgten für Bilddramatik

Während der Hinfahrt hatten wir unverschämtes Glück. Die Sonne strahlte am blauen Himmel, und wenn sich Wolken sehen ließen, komplettierten sie auf dramatisch-traumhafte Art das Panorama.

Ein aufgeschlagenes Buch und ein Notizheft liegen auf einem Tisch im Freien

Meine Lesung konnte ich im Freien vorbereiten

Ich konnte meine Lesung sogar im Freien vorbereiten. Angora-Unterhemd, Regenhose und dicke Stiefel blieben nicht nur in der Kajüte, sondern hatten gar nicht erst den Koffer verlassen!

Während der Rückfahrt zeigte uns die Ostsee, was sie (auch) kann. Bei starkem Seegang schaukelte das Schiff deutlich.

Der Schock

Während der dritten Nacht an Bord schlief ich aufgrund des Seegangs schlecht. Vielleicht lag es daran, dass die Bewegung des Schiffes kein sanftes, gleichmäßiges Schaukeln war, sondern unregelmäßig und ruckhaft.

Ein leeres, nasses Deck

Am Morgen des dritten Tages war das Deck menschenleer

Als ich vor dem Frühstück aufs Deck schaute, um eine Nasevoll frische Luft zu nehmen, war es menschenleer.

Um zum Buffet zu gelangen, musste man sich dann schon hin und wieder festhalten. Erstaunt stellte ich fest, wie viel sich manche Mitreisende auf die Teller luden. Gaben ihnen die handlichen schwarzen Plastiksäcke, die über Stuhllehnen und Brüstungen hingen, denn gar nicht zu denken?

Gleich nach dem Frühstück sah man Menschen, die sich verstohlen in eine Ecke verzogen, den schwarzen Beutel vor den Mund gehalten. Würgegeräusche übertönten mitunter das muntere Klappern der Crew.

Ich blieb von der Seekrankheit verschont und konnte sogar häkeln (während ich das Lesen nur sehr kurz ausprobierte, weil mir sofort schummrig und schwindlig wurde).

Ein Helikopter fliegt über dem Meer, ein Mann seilt sich abManches kam mir vor wie im Film: Die Gläser in den Reaglen klirrten aneinander, Türen schlugen auf und zu. Es tat gut, aus dem Fenster auf den Horizont zu blicken. Alles wirkte gleich zehnmal stabiler.

Dann der Schock.

Als ich wegen eines ungewohnten Dröhnens hinausschaute, baumelte vor meinen Augen ein Mann. Erst als ich genauer hinsah, bemerkte ich den Hubschrauber, von dem er sich herunterließ. Was wollte er? Warum flogen die so tief?

Auf einmal stürzte alle Welt ans Fenster. Die Nachricht, dass ein Helikopter neben uns flog, sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Man spekulierte über einen Notfall an Bord und über russische Agenten. Erst spät kam die Entwarnung: Es handele sich um eine Übung.

Was bleibt

Häkelzeug mit tunesischen MaschenDies war eine Reise, von der ich noch öfter erzählen und die ich bestimmt nicht vergessen werde. Denn merke: Wer häkelt, kann was erleben!

Und so stiehlt sich, während ich am heimischen Tisch die tuneischen Maschen übe, ein stolzes Lächeln auf mein Gesicht. Ich habe ein Abenteuer überstanden und musste auch bei starkem Seegang nicht einmal würgen.

Wann findet die nächste Schiffsreise statt, bei der ich lesen darf? Ich kann es kaum erwarten!


Fotos: Laura Breuer, Karla Letterman 

 

Über Karla Letterman

Krimiautorin und Kolumnistin aus Lübeck. Stammt aus dem Harz und hat in Göttingen und Hamburg gelebt.
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