Wertschätzung für die Unbewerteten

Anastasia Rutkowska

Anastasia Rutkowska

Im Mittelpunkt einer Poetry-Slam-Konkurrenz stehen diejenigen, die gegeneinander antreten, logisch. Doch gute Sitte ist es, dass es vor dem Wettbewerb ein „Feature“ gibt, eine Slam-Poetin oder ein Poet trägt einen Text außerhalb der Wertung vor, gewissermaßen zum Warmhören für das Publikum. Handelt es sich gar um eine Gala, treten noch Musiker*innen auf. Auch sie gehören zu den Unbewerteten.Beide, Feature und Musiker, kommen in der Berichterstattung oft zu kurz, so als wären sie Randfiguren des Geschehens. Deshalb möchte ich einmal zwei dieser Künstler*innen außer Konkurrenz vorstellen, die beim gestrigen „All Star Poetry Slam“ entscheidend zum Gesamteindruck des Abends beigetragen haben. Und dieser Eindruck war großartig!

Die kluge Feature-Poetin

Anastasia beim Poetry Slam, eine der UnbewertetenAls Feature-Poetin trat Anastasia Rutkowska auf, eine Schülerin aus Kiel, deren Erzählkompetenz und Ideenreichtum ich bereits zweimal bei U20-Wettbewerben der Slammer-Lämmer bewundert habe. Ich weiß noch genau, wie wir nach ihrem ersten Auftritt mutmaßten, welches Fach sie wohl studiere. Wir schätzten sie auf Grund ihres Vortrags auf 19 bis 20. Ein paar Wochen später wollte ich es nicht glauben, als ich ihr Alter erfuhr: sie war erst 13!

Jetzt ist sie 14, doch ihr Feature-Text würde auch einer zehn Jahre Älteren zur Ehre gereichen. Sie sprach über das Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft, um eine Reise Einsteins in Goethes Reich und den Gegenbesuch. Beeindruckt haben mich nicht nur ihre Pointen (die ich nicht schnell genug mitschreiben konnte, um sie hier wiederzugeben), sondern auch die Performance. Anastasia legte eine selbstbewusste Sohle aufs Parkett. Mehrere hundert Menschen hörten ihr zu, manche rieben sich die Augen, so schnell war sie wieder weg, und hätten sich etwas weniger Geschwindigkeit gewünscht. Vielleicht war da doch Lampenfieber im Spiel, auch wenn die Slammerin sehr souverän rüberkam.

Der raffinierte Musiker

Musiker Lennart Schilgen

Lennart Schilgen, einer der Unbewerteten

Für Musik sorgte Lennart Schilgen aus Berlin. Schöne Töne entlockte er seiner Gitarre, doch auch bei ihm kam es auf die Texte an. „Lieder & Schabernack“ mache er nämlich, verkündet seine Website.

Nachdem er einem Schnäppchenjäger erklärt hatte: „Du bist nicht der Jäger, du bist das Reh“ und den „Tag des Wankelmuts“ ausgerufen hatte, begann das dritte Stück als melancholisches Liebeslied. Schade, dachte ich, die anderen beiden waren pfiffiger. Doch dann war Lennart bei Strophe 2, und der Ton begann zu kippen. Er wolle seiner Flamme nah sein, sang er erneut, doch nun klang es nicht mehr nur schwelgerisch, sondern bekam etwas Forderndes. Zeile für Zeile rückte er der Frau auf die Pelle. Die Ansage „ich bleib’ hier“, zu Beginn noch trotzig-verliebt, hatte sich zur Drohung gemausert. Das Minnelied war zum Stalker-Song geworden – ein raffinierter Dreh, der den Vergleich mit den großartigen Slammer*innen nicht zu scheuen braucht.

Ich hoffe, ich sehe beide wieder, sowohl Anastasia als auch Lennart. Und zwar ein bisschen plötzlich, bitte!


Fotos: Thomas Schmitt-Schech

Karla Letterman

Über Karla Letterman

Krimiautorin und Kolumnistin aus Lübeck. Stammt aus dem Harz und hat in Göttingen und Hamburg gelebt.
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