Überwachungstechnik im Auto

Ein Auge am Wegrand

Generalbeobachtung für Autofahrer*innen?

„Telematik-Tarif“ nennen Versicherer das Angebot, Autofahrer*innen, die ihren Fahrstil überwachen lassen, einen Rabatt einzuräumen. Das klingt nett, wie etwa der „Mondscheintarif“, den es früher beim Telefonieren gab. Und als wäre es eine Nettigkeit, reagieren auch manche Medien. „Versicherungen belohnen umsichtige Autofahrer“ titelten etwa die Lübecker Nachrichten am 17. Mai. Dabei geht es um nichts weniger als Überwachungstechnik im Auto.

Der Deal ist folgender: Stellt sich mithilfe der Telematik (Sensor und/oder App) heraus, dass jemand vorausschauend fährt, erhält er einen deutlichen Rabatt auf den KFZ-Tarif, z.B. 30 %. Doch warum werden alle Fahrer*innen mit Preisnachlass (z.B. 10 %) belohnt, die sich die Technik anschaffen, unabhängig von ihrer Fahrweise? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…
Aus Sicht des Datenschutzes sei die Technik völlig unbedenklich, versichern die Presseabteilungen, weil nämlich Fahr- und Personendaten auf getrennten Systemen gespeichert würden. Externe Dienstleister, die die Fahrdaten bearbeiten, bekämen keinen Zugriff auf die Personalien, und die Versicherer selbst, denen die Fahrer*innen bekannt sind, bekämen nur zusammenfassende Einschätzungen über die Fahrweise zurückgemeldet, jedoch keine Details. Basta.
Ganz so einfach lassen sich Skeptiker jedoch nicht beruhigen. Wem gehören die Daten?, fragt etwa der ADAC Schleswig-Holstein. Und auch die Landesdatenschutzbeauftragte Marit Hansen betont, beim Datensammeln müssten Überprüfbarkeit und Transparenz gewährleistet sein (zitiert nach Lübecker Nachrichten vom 17.5.19) – und es klingt so, als halte sie das Ziel für noch nicht erreicht.

Wer profitiert?

Ein Auge auf alle FahrerDie Versicherungsgesellschaften selbst hauen auf die Pauke. „Ganz einfach“, schreibt die HUK-Coburg, „wer besser fährt, spart bares Geld.“- „Wer sicher fährt, profitiert“, jubelt die Allianz. Und die die VHV erklärt: „Das kann günstiger für Sie sein. Verlässlicher für uns. Gerechter für alle.“ Und kommt nolens-volens zum Kern der Sache: „Alle schauen aufs Fahrzeug – wir auf den Fahrer.“
Denn das ist der Paradigmenwechsel: Technik wird nicht auf der Straße installiert, wo sie alle Vorbeifahrenden misst. Sondern jeder trägt seinen eigenen kleinen Spion mit sich herum. Was genau das mit der Umsichtigkeit bedeutet, entscheidet – Stand heute – der Versicherer. Die HDI etwa ist sich sicher, dass das Unfallrisiko steigt, wenn jemand oft nachts oder zur Rush-Hour unterwegs ist. Also sollte man bei Schichtarbeit den Job wechseln? Nachts nicht mehr die freieren Autobahnen nutzen? Was kommt als nächstes?

Eigentlich ist die Entwicklung, zur Fahrerkontrolle Überwachungstechnik im Auto zu installieren, erstaunlich, wenn man von der baldigen Einführung des autonomen Fahrens ausgeht. Doch das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit. Einige Versicherer verlangen vom Kunden Miete für das Telematik-Modul, mokiert man sich bei Versicherungscheck24.
Vielleicht ja nur deshalb, weil der Fahrer im Falle eines Unfalls Vorteile hat: „In Zukunft können Fahrzeuge einen Unfall eigenständig erkennen und ihn inklusive der nötigen Fahrzeugdaten der Versicherung melden“, berichtet Focus online.
Irgendwann wird einem Telematik-Gegner jemand erklären: Wer nichts zu verbergen habe, könne die Technik ohne Sorge einsetzen.
Spätestens dann sollten alle vorsichtig werden.


Fotos: Karla Letterman

Karla Letterman

Über Karla Letterman

Krimiautorin und Kolumnistin aus Lübeck. Stammt aus dem Harz und hat in Göttingen und Hamburg gelebt.
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