„Schattengrund“: Der Harz als Müllhalde für nicht verortbare Fantasien

Als Nicola Wagner (Josefine Preuß) mit neuen Beweisen für ihre Unschuld aus der Silbermine zurückkehrt, wird sie wieder von Zita Urban (Marie Anne Fliegel) attackiert. Quellenangabe: "obs/ZDF/Reiner Bajo"

Josefine Preuß mit ihren immergleichen Falten: Gähn! Quelle: obs/ZDF/Reiner Bajo

Ein Harz-Thriller als Fernsehfilm der Woche im ZDF: Hui, das ist ja mal was!

Beglückt klicken mein Lieblingsfotografundehemann und ich das Video „Schattengrund“ an. Endlich, endlich wird der Harz als Location für spannenden Stoff im deutschen Fernsehen gewürdigt! Nach der gelungenen „Harter Brocken“-Reihe in der ARD jetzt auch Felsen, Klippen, Stollen, Abgründe im ZDF: ja! Gerade haben wir dänisch-schwedische Spannung auf der „Brücke“ ausgiebig genossen. Endlich setzt sich auch unser Lieblingsgebirge als geheimnisvoll-unwiderstehliche Location im Fernsehen durch!

Sagen über Bergmönche, wilde Männer und geheimnisvolle weiße Frauen im Harz gibt es genug. Stoff über Stoff, Potenzial ohne Ende!
Etwas irritiert verzeichnen wir, dass eine religiöse Prozession der heiligen Barbara als Hintergrund der Story herhalten muss. Die zarte Statue weint auch noch blutige Tränen: typisch katholische Legende.

Katholiken im Harz?! Und auch noch im Ostharz, wo 40 Jahre lang jegliche Religiosität verfolgt wurde?! Die ersten Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Recherche beschleichen uns.

Es bleiben nicht die einzigen.

Ich bin zwar bekennender Fan uriger Namen – in meinem Roman heißt schon mal jemand Eagle-Eye. Aber die Verhältnismäßigkeit muss insgesamt doch gewahrt bleiben! In dem (fiktiven) Ort im Film in der Nähe von Elend (die Hauptdarstellerin will dorthin zu Fuß gehen) heißen die Frauen Kiana, Trixi, Philomenia und Zita. Gröl! Bei dieser Namenswahl bleibt nur das Urteil: setzen, sechs!

Gestreifte Hosen für Josefine

Für die Redaktion spricht die Ausgestaltung der Häuser in dem abgelegenen Ort. Jawohl, so können sie sein, das haben wir selbst erlebt – sieht man mal von dem spitzen Staketenzaun, der das Waldhaus völlig unrealistisch umzäunt, ab. Landschaft, Kirche, Kneipe und Dachbodenszenerie sind authentisch geraten. Offenbar hat sich ein Teil der Filmcrew wirklich Mühe gegeben, das soll nicht unerwähnt bleiben.

Aber die Hauptdarstellerin – mein Gott! (so möchte man, sich der spontan ausgebrochenen Religiosität anschließend, ausrufen) – was soll denn ihre Ausstattung?! Niemand läuft in Deutschland so rum. Setzt man selbst wohlwollend einen schrägen Stilmix aus Berliner Möchtegern-Chic und Harzer Alttanten-Ausstattung voraus, dann entfiele trotzdem in jedem Fall die gestreifte Hose. Was um Himmels (Gottes!) Willen wollen uns Produzent und Regisseur damit sagen? Der Harz ist so abseitig, der ist gar nicht richtig Deutschland?

Überhaupt Josefine Preuß. Wir fragen uns: wer von den verantwortlichen Filmschaffenden ist ihr verfallen? Denn eine andere Erklärung fällt uns nicht ein für die wiederholten, erbarmungslosen Großaufnahmen auf die undifferenziert-abstoßende Fratze, die sie zeigt. Der Story zufolge müsste ihr Gesicht unter anderem Zweifel, Selbstzweifel, Angst, Ungläubigkeit und unliebsame Erinnerung spiegeln. Doch es zeigt in jeder Situation dieselbe dramatische Faltung, einer abgerichteten Bulldogge nicht unähnlich. Standen für eine Harzgeschichte keine besseren SchauspielerInnen zur Verfügung? Aljoscha Stadelmann, Anna Schudt und Julia Koschitz sprechen für die ARD eine andere Sprache.

7 cm Schnee als Hindernis?!

Auch die Glaubwürdigkeit der Handlung wird mit Füßen getreten, im wahrsten Wortsinn: der Schnee, der angeblich den Bus am Weiterfahren hindert, ist vielleicht sieben Zentimeter hoch. Dahinter verblasst sogar das Hin und Her des zweiten Hauptdarstellers Leon (Steve Windolf). Wir, als langjährige Harzer, möchten den ZuschauerInnen dringend zurufen: kommt her, guckt Euch die Wanderwege selbst an!

Fazit: gelungene Inneneinrichtung, ein bisschen Esoterik und ein paar Drama-Falten im Gesicht der Hauptdarstellerin reichen nicht für eine glaubwürdige Harzer Story. Fantasien, die nicht verortbar sind, landen bitte auch nicht im Harz!

Das Resultat dieser bemühten Geschichte ist ein langgezogenes Gähnen.

Karla Letterman

Über Karla Letterman

Krimiautorin und Kolumnistin aus Lübeck. Stammt aus dem Harz und hat in Göttingen und Hamburg gelebt.
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