Leseprobe aus „Wolfshatz“

laufender WolfNur 350 Meter vom Polizeikommissariat Bad Lauterberg entfernt saß Eagle-Eye Bokelmann, der 13-jährige Sohn von Alois’ Lebensgefährtin Larissa, im Klassenraum der 7b und formulierte seine Frage.

„Und was, wenn ich doch einen Wolf sehe?“, wollte Eagle-Eye wissen. „Der soll ja denken, ich habe keine Angst. Wie mache ich das?“

Dies war die spannendste Stunde während der ganzen Projektwoche. Interessiertes Raunen ging durch die Reihen der Mitschüler. Drei von ihnen, Marvin, Zbigniew und Leon, dachten ebenso wie Eagle-Eye an ihren geheimen Treffpunkt auf dem Scholben, dem Bergrücken, der Bad Lauterbergs Kurpark begrenzte. Dort, im dichten Buchenwald, war ihnen spätnachmittags, wenn die Sonne vor der Blauen Stunde verblasste, schon manches Mal auch ohne Wolfsgedanken unheimlich gewesen.

Der Referent Wolfram Schreiber, Mitglied der Umweltorganisation „Hearts4Nature“ Niedersachsen, richtete sich auf und hob zu einer längeren Antwort an, denn dies war sein Lieblingsthema. Während er noch Luft holte, krähte jedoch eine helle Stimme von hinten links: „Vor allem, wenn ich einen Fresskorb dabei habe und meine Oma besuchen will?“

„Ruhe, bitte“, beschwichtigte die Klassenlehrerin, „und meldet euch, wenn…“

„Sie mit Ihrer roten Boshi müssen auch aufpassen!“, unterbrach der vorlaute Marvin, und da war es auch bei den Ruhigeren mit der Zurückhaltung vorbei. Es johlte, prustete und kicherte aus allen Reihen.

Die Lehrerin lachte mit. „Recht hast du, Marvin, ich werde mir weiße Tupfen auf die Mütze nähen, dann hält mich der Wolf für einen Fliegenpilz und lässt mich in Ruhe.“

Ihr Kalkül ging auf: Eine Runde gemeinsames, herzhaftes Lachen, dann war es wieder still, und sie gab Schreiber ein Signal.

„Ja, also“, räusperte er sich. „Begegnet man einem Wolf, sollte man keinesfalls weglaufen. Bleibt stehen und beobachtet ihn. Wölfe sind nämlich scheue Tiere“, fuhr er fort, „sie zeigen sich dem Menschen sehr selten. Passiert einem dieses Wunder doch einmal, sollte man den Moment genießen!“

Marvin meldete sich artig in das ungläubige Schweigen hinein und sprach erst nach Aufforderung: „Ist das bei Bären auch so? Ich fahre im Sommer mit meinem Kumpel und seiner Mutter nach Polen, und da gibt es ja welche…“

„Bären sind nicht unser Thema“, wies Schreiber die Frage unwirsch ab und überhörte geflissentlich den Zwischenruf „Und Tiger?“.

Zwei Collies im Wald „Was mache ich denn, wenn ich mit einem Hund Gassi gehe und plötzlich ein Wolf vor uns steht?“, wollte die tierliebe Sophie wissen.

„Oh“, machte Schreiber und wirkte ein wenig bestürzt. „Frei laufende Hunde könnten von Wölfen als Reviereindringling angesehen werden. Das empfehle ich nicht. Also: deinen Liebling immer schön an die Leine nehmen, ja? Wenn der Hund nah beim Menschen bleibt, überträgt sich der von ihm ausgehende Schutz automatisch auf den Hund.“

Sophie wurde blass. Eigentlich hatte sie gehofft, der Hund würde sie im Zweifelsfall beschützen. Stattdessen sollte sie das für ihn tun? Ob sie Bello und Moppel, die Collies ihrer Nachbarn, wirklich noch spazieren führen sollte?

Wolfram Schreiber atmete tief durch, als die Pausenglocke ertönte. Es war die letzte von fünf Klassen gewesen, denen er während der Projektwoche an der Bad Lauterberger KGS das Wolfsthema hatte nahebringen sollen.

Nun noch kurz zur Nachbesprechung ins Lehrerzimmer, dann wäre sein Einsatz für heute vorbei! Er freute sich schon auf die deftige Erbsensuppe, die seine im Nachbarort Scharzfeld wohnende Tante ihm versprochen hatte. Morgen stand zum Abschluss der Projektwoche noch eine Präsentation aus, die er längst vorbereitet hatte.

Die Besprechung verlief ruhig und zügig. Für die Nachbereitung würde er noch einige Internetlinks zusammenstellen. Seine Mission, den Einheimischen die Angst vor der Rückkehr der Wölfe zu nehmen, war auf gutem Weg, fand er. Pfeifend überquerte er den Parkplatz.

Schreiber sah den zusammengefalteten Zettel hinter dem linken Scheibenwischer, noch bevor er die beiden platten Reifen bemerkte. „Öko-Teroristen raus!“, stand in großen Lettern auf dem weißen Papier. Halb unbewusst registrierte er die falsche Schreibweise bei „Terroristen“, bevor er weiterlas: „Bleibt weg aus dem Harz sonst machen wir euch zu Grünabfall. Horrido!“


Fotos: Colliefreund on Pixabay; Karla Letterman