Mr. Poetry-Slam und Dr. Zahl

Tilo Strauss und Daniel Groß

Tilo (Mr. Poetry Slam) und Daniel (Dr. Zahl)

Da schallte und krawallte, dichtete und richtete es wieder ganz gewaltig am Samstag. Mit anderen Worten: es war Zeit für Poetry Slam. In den Lübecker Kammerspielen trafen sich gewitzte Wortakrobat*innen zum Wettbewerb um den ganz-ganz-echt-goldenen Pokal.

Doch ich wollte diesmal wissen: Wer organisiert das alles?

Wenn es um Poetry Slam in Lübeck geht, kommt man an Slam A Rama nicht vorbei. Und Slam A Rama ist Tilo Strauss, den man auch als Förderer der Popkultur kennt. Tilo lacht ein bisschen über sich selbst, wenn er daran zurückdenkt, wie er 2001 mit dem neuen Genre Kontakt aufgenommen hat. „Ich habe das im Fernsehen gesehen und war gleich fasziniert. So etwas sollte es in Lübeck auch geben! Mir war aber nicht klar, dass in Deutschland schon eine gewisse Szene existierte…“

Mit Poetry Slam gegen die „RTLisierung“

Daniel Groß in der Umkleide

Daniel Groß vor dem Auftritt

Für Lübeck aber war Portry Slam neu und musste erst einmal eingeführt werden. „Richtig los ging es dann 2008, als wir den ersten Städte-Battle Hamburg-Kiel-Lübeck ausgerichtet haben.“ Nebenbei begann er mit Jugendarbeit, und bald wurden Slam Poeten seine regelmäßigen Gäste. Was er an dieser Art des Literaturwettstreits mag? Da muss er nicht lange überlegen: „Im Poetry Slam hat man ganz eigene Charaktere. Das ist ein wohltuender Kontrast zur RTLisierung der Gesellschaft, wobei alle auf den Mainstream getrimmt werden.“

„Crossover ist am besten.“ So drückt Daniel Groß das aus. Wer schon mal bei einer Slam-A-Rama-Veranstaltung war, kennt auch Daniel, den viele ironisch-respektvoll „Dr. Zahl“ nennen. Er ist es nämlich, der aus den Wertungen der verschiedenen Jurys die Platzierung der Wettbewerber errechnet. Und noch etwas macht er, und das ist inzwischen Kult: den „Hand-TED“.

Ein manueller TED in Lübeck

Spannung: Dr. Zahl malt den „Hand-TED“.

Paul Weigl aus Berlin, den ich an diesem Samstag backstage treffe, fragt grinsend Kaleb Erdmann, einen anderen Slam-Poeten, ob er das schon mal erlebt habe. Als Kaleb den Kopf schüttelt, grinst Paul noch breiter: „Dann wart mal ab. Ich versprech dir, das vergisst du nicht!“

Was er meint, ist die Art, wie „Dr. Zahl“ am Ende der Vorstellung die Entscheidung zwischen Platz 1 und 2 kundtut. Er malt dabei synchron zwei Striche neben die entsprechenden Namen – und irgendwann hört der eine Strich auf. Wie man es von Publikumsentscheidungen aus dem Fernsehen kennt, nur in „handgemacht“.

„So eine ‚Analog-Video-Performance‘ haben wir hier zuerst gemacht!“, berichtet Tilo Strauss stolz. Und Daniel erinnert sich: „Später habe ich das auch in Hamburg auf Kampnagel gesehen. Da hat einer beim Orchester-Karaoke manuell die aktuelle Textstelle gezeigt. Genannt ‚der Finger‘.“

Liebevolle Details

Bier im WaschbeckenIch beobachte diverse liebevolle Details an diesem Abend. Nicht nur, wie Daniel und Tilo sich fröhlich in Schale werfen. Auch das Bier, das eingebettet in Würfeleis im Waschbecken auf die durstigen (oder aufgeregten?) Künstler*innen wartet.

Und noch mehr: Der Hausfotograf, der im Umkleideraum schicke Portraits von den Künstlern macht. Die hübsche Kulisse. Der prächtige Pokal für’s Siegerfoto. Der glitzernde Konfettiregen.

Nachdem ich all das erlebt habe, wundert es mich nicht mehr, dass die Kammerspiele ausverkauft sind. Und zwar wörtlich, es ist kein Sitz mehr frei in den Publikumsreihen. Ich habe Glück: mein Platz ist strategisch günstig auf der Bühne, gleich hinter dem Vorhang.

Nächstes Mal verfolge ich die Slam-Poeten vermutlich wieder von der anderen Seite aus. Nur eines weiß ich sicher: Das nächste Mal wird sehr bald sein!


Fotos: Thomas Schmitt-Schech

 

Karla Letterman

Über Karla Letterman

Krimiautorin und Kolumnistin aus Lübeck. Stammt aus dem Harz und hat in Göttingen und Hamburg gelebt.
Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.