Landwirte leiden: wurscht…?

Traktor beim Strohwenden auf dem Feld

Der eine wendet in der staubigen Hitze das verbliebene Stroh…

Wenn Massenmedien über Landwirtschaft berichten, könnte man denken, in bäuerlichen Betrieben gäbe es keine Menschen, sondern nur blutleere Dinge.

Man achte auf die abstrakte Ausdrucksweise: Ertragslage. Verluste. Wirtschaftliche Schieflage. Umsatzeinbußen. Strukturwandel. Existenzbedrohung.

Der durch den Staub schlurfende Mann jedoch, der sich auf den schweren Weg macht, sein Maisfeld zu inspizieren, ist aus Fleisch und Blut. Er will die Hoffnung noch nicht aufgeben. Vor einiger Zeit hat es etwas geregnet, das war doch vielleicht noch rechtzeitig?

Irrtum. Die Blätter haben sich zusammengekrümmt, und wo Kolben hätten wachsen sollen: heiße Luft. Im Büro schaltet er beklommen den Rechner ein, weil er die nächste Rate für den Traktor überweisen muss. Doch auf dem Konto: heiße Luft.

Mittlerweile schreiben selbst Tageszeitungen über die teils katastrophalen Ernteverluste der deutschen Landwirte in diesem Sommer. Im Norden gibt es mittlerweile so wenig Stroh und Futtergetreide, dass Notverkäufe aus gesunden Milchviehbeständen um sich greifen.

Urlaubswetter, Missernten und Klimawandel

Des einen Leid, des anderen Freud: Die Tourismusanbieter an Nord- und Ostsee jubeln über paradiesisches Urlaubswetter. Auf den Halmen im Hinterland verdorrt derweil: nicht irgendein abstraktes Grasgekrösel namens Ernte, sondern – Lebensmittel! Doch wen kümmert’s, solange die Supermarktregale voll bunt verpackten angeblichen Superfoods sind.

Nur woher bezieht die Nahrungsmittelindustrie ihre Rohstoffe, wenn nicht von unseren Äckern? Fehlt womöglich andernorts den Menschen das Getreide, mit dem die Missernten bei uns kompensiert werden?

Die Parole „Extreme Wetterlagen gab es früher schon“ beruhigt nur noch die Naivsten. Für alle anderen ist es unübersehbar, dass die Klimaänderung System hat. Seit vielen Jahren werden hitzebeständige Getreidesorten entwickelt, mancherorts rät man den Bauern, auf das aus den Anden stammende anspruchslose Quinoa umzusteigen, ein Pseudogetreide.

Abgesehen von der Bedrohlichkeit, die ein Artensterben unserer noch alltäglichen Kulturpflanzen bedeutet, käme die Rettung für viele kleine und mittlere Bauernbetriebe bereits zu spät. Missernten haben schon in den Vorjahren ihre wirtschaftlichen Reserven angegriffen.

Und nun? Abwarten und Schach spielen?

Das Wort Bauernopfer hat in Sommern wie diesem einen zynischen Klang.

Sonnenschirme am Strand von Travemünde

…während sich der andere ein nettes Plätzchen am Wasser sucht.


Fotos: Karla Letterman

Karla Letterman

Über Karla Letterman

Krimiautorin und Kolumnistin aus Lübeck. Stammt aus dem Harz und hat in Göttingen und Hamburg gelebt.
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