Eindringlicher „Polizeiruf“: Verloren in der rechten Szene

Szene aus „Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit“. Bild: BR/X Filme Creative Pool Entertainment GmbH / Hagen Keller

Der „Polizeiruf 110“ vom vergangenen Wochenende kommt bei den Kritikern gut weg – zu Recht. Brutal, düster und mitunter schwer zu ertragen, aber sehr guter Film, schreibt etwa die Berliner Zeitung. Das Einschalten lohne sich, sagt auch der Stern. „Großes Kino“, befinden die Lübecker Nachrichten, und Autor Lars Grote führt aus:

Großes Kino, was Regisseur Jan Bonny nach einer Idee von Günter Schütter zeigt. Sein Film muss nichts erklären, sein Sog ist kristallklar.

Der Film zeigt viele Aspekte. Einer ist das skrupellose Vorgehen des Verfassungsschutzes, der einen V-Mann fallen lässt, wenn er nicht mehr „liefert“. Ein anderer ist die Machtlosigkeit des ermittelnden Polizeikommissars, wenn Verfassungsschutz und Staatsanwalt ohne Rücksicht oder gar Rücksprache ihre Vorstellungen durchsetzen, die die Ermittlung behindern.

Doch was dieser Film besonders eindringlich zeigt, ist die Verlorenheit dieses Täters. Er ist mutig, krawallig, nicht sympathisch, und doch hat man, wie der Kommissar, Mitgefühl. Der Junge hat keine wirkliche Familie, will zur Gruppe gehören, macht mit, macht sich schuldig, wittert seine Chance zum Ausstieg als V-Mann – und ist seit dem Moment seiner Zusammenarbeit mit dem Verfassungsschutz verloren.

Szene aus „Das Gespenst der Freiheit“. Bild: BR/X Filme Creative Pool Entertainment GmbH / Hagen Keller

Verloren ist er schon vorher bei seinen Neonazi-Kumpanen: wo bleibt sie denn, die vielbeschworene Kameradschaft? Rechtssein wird hier vorgeführt als dumpfes Saufen, Schlagen und sich-Überlegen-Fühlen in Kombination mit einer Kaltherzigkeit, die sprachlos macht. Ausländerfeindlichkeit ist so etwas wie die logische Schlussfolgerung, zählt man alle Seiten der Verkommenheit zusammen.

Rechte Thesen und rechtes Handeln zeigt der Film in der Kälte und Hässlichkeit, die ihnen zukommt. Keine Sonntags-Familienunterhaltung, sondern eine Einsicht, wie Verrohung funktioniert.

Karla Letterman

Über Karla Letterman

Krimiautorin und Kolumnistin aus Lübeck. Stammt aus dem Harz und hat in Göttingen und Hamburg gelebt.
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