Bunte Gypsy-Welt

Tanz der schwarzen KobraGestern Abend war ich im Kolosseum in Lübeck. Dachte ich, bevor die Vorstellung begann. Doch sobald es losging, befand ich mich in einer anderen Welt.

Gypsy-Volkstanz aus RajasthanVier Männer sangen und spielten auf für uns exotische Weise ihre Instrumente: Harmonium, Trommeln, indische Kastagnetten, Maultrommel und Schlangenbeschwörer-Pfeife. Doch so virtuos sie auch waren, die Hauptrolle nahmen die vier Tänzerinnen um den Star des Abends, Khatu Sapera, ein. Mit den ersten Takten wurde klar: der Bauchtanz hat seine Wurzeln auch in Indien, genauer gesagt im Bundesstaat Rajasthan.

Die Zweigstelle Lübeck der deutsch-indischen Gesellschaft (DIG) hatte zum indischen Tanz- und Musikabend eingeladen, wie sich die Veranstaltung bescheiden nannte. In Wirklichkeit war es ein Ausflug in 1001 Nacht.

Wer wissen wollte, wie Hüftschwung geht, war im richtigen Film. Auch verführerische Gesten mit den Händen ließen sich an diesem Abend studieren – wenn man es denn schaffte, sich darauf zu konzentrieren.

Glitzernd und funkelnd

Indische TaenzerinAngesichts der prächtigen Gewänder und Schleier, der glitzernden Ohrringe und Diademe, der Armbänder und rasselnden Fußkettchen wurden in mir Mädchenträume wach. Die Tanzkompanie befeuerte sie noch: Das Auftürmen der mit funkelnden Tüchern verzierten Töpfe auf dem Kopf der Solo-Tänzerin erinnerte an eine Krönung.

Die Khatu Sapera Dance Company, eine drei Generationen umfassende Musik-, Tanz- und Artistikgruppe, steht in der Tradition einer uralten Dynastie von Schlangenbeschwörern, europäisch gesprochen einer Sinti-Community. Diese Gruppe hat bereits mit Größen wie Pina Bausch zusammengearbeitet, ist in Paris und Berlin aufgetreten. Die diesjährige Deutschlandtour führt durch acht Städte (Hamburg und Kiel sind nicht dabei, aber Lübeck!).

Feuer der Wüste

Kobratanz aus RajasthanDie Gesänge, Tonlagen, Gesten und Bewegungen sind fremd für gemäßigt-deutsche Gewohnheiten; eine Krishna-Liebesgeschichte hat mit Klamotten-vom-Leib-Reißen und viel schwülem Drama zu tun. In einem anderen Lied werden Bezüge zur islamischen Sufi-Musik deutlich. Der Alltag in der Wüstenregion klingt in einer Art Ode an die schwarze Kobra an, einem Schlangenbeschwörertanz, bei dem die Frauen schwarz grundierte Röcke tragen. Doch selbst dabei überwiegt das Bunte, der Gypsy-Style.

Farbenfroh, wild und laut war der Abend. Manfred Krause, Vorsitzender der DIG Lübeck, brachte es in seinem Dank an die Kompanie auf den Punkt: „You have shown us the fire of the desert!“


Fotos: Thomas Schmitt-Schech

Karla Letterman

Über Karla Letterman

Krimiautorin und Kolumnistin aus Lübeck. Stammt aus dem Harz und hat in Göttingen und Hamburg gelebt.
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