Begegnungen in besonderem Licht

Aus Anlass des 875-jährigen Geburtstags finden in Lübeck fantasievolle Aktionen statt. Mein Lieblingsfotograf und ich haben uns ein Spurenbuch besorgt und eine Geschichte hineingeschrieben. Hier ist sie:

„Hast du schon wen gesehen, Storky oder den Kolonialisten?“, fragt Thomas, mein Mann, und streift sich den Riemen der Fototasche von der Schulter. Die Tasche scheint schwer zu sein, offenbar hat er diverse Objektive eingepackt. „Die beiden nicht, aber Mathieu“, erwidere ich. „Er sitzt draußen und raucht.“

Ich hingegen habe es mir drinnen gemütlich gemacht, am Tisch vorm Fenster, von wo aus man den Tresen direkt im Blick hat. Das Kandinsky ist, als wir unseren ersten Vinho Verde in Lübeck getrunken haben, auf Anhieb zu unserer Stammkneipe geworden. Fast pubmäßig gemütlich, ein bisschen aus der Zeit gefallen, etwas abgeschrabbelt, kein Hipsterschuppen von der Stange, die von Berlin bis Kleinkleckersdorf überall die gleiche professionell-desinteressierte Freundlichkeit ausstrahlen. Die Barfrauen und Kellner im Kandinsky sind ehrlich nett und aufmerksam und im genau richtigen Maß bunt, die Getränke erfreulich erschwinglich. Das Publikum entstammt allen Altersklassen, die Alkohol trinken, und hat die unterschiedlichsten Styling-Vorlieben.

Mathieu weiß nicht, dass wir ihn so nennen. Mit größter Wahrscheinlichkeit heißt er anders, wir haben nur noch nicht herausbekommen, wie. Also behelfen wir uns. „Sein Haarschnitt erinnert ein bisschen an Mireille Mathieu“, bemerkte Thomas beim vor- oder vor-vor-letzten Mal, als wir ihn sahen. So entstand sein heimliches Pseudonym.

Unsere Annäherung an das Stammpublikum des Kandinsky ist zaghaft, man kann schon sagen, vorsichtig. Wir sind Neu-Lübecker und wollen uns hier nichts verscherzen. Liubice, die Liebliche, wie wir im Holstentor-Museum gelernt haben, ist seit vielen Jahren unsere Traumstadt. Thomas konnte sich schon zu Zeiten, als wir in Hamburg gelebt haben, an der Backsteingotik nicht sattfotografieren. Dann lebten wir 15 Jahre im Harz, doch die Sehnsucht nach dem wahren Norden war groß, und so haben wir uns 2017 unseren Traum erfüllt und sind hierher gezogen. Nun halten wir uns erst mal im Hintergrund und beobachten die Szenerie, das passt zum Fotografen genauso wie zur Autorin.

Ob der Mann in der filmreifen Wüstenkleidung tatsächlich ein Anhänger des Kolonialismus ist, wissen wir auch nicht, doch statt ihm ein Gespräch aufzudrängen, hören wir vorerst lieber nur zu – „Rest ergibt sich“, pflegt Thomas zu sagen.

„Wieso kommst du überhaupt so spät?“, will ich wissen, denn ich habe ihn schon vor einer Stunde erwartet. „Ich konnte einfach nicht aus dem Hafen weg“, sagt er. Habe ich schon mal gehört – dass er irgendwo nicht wegkommt. Mal ist es das besondere Licht, mal führt ein Gässchen nach dem anderen in immer malerischere Gefilde. Mal sind es die Menschen, mal die Wolken, die hier an der See ein Seh-Stück aufführen. „Ist dir nicht das Licht aufgefallen?“, fragt er mich zum x-ten Mal. „Das war ganz weich und warm.“

Die Frau mit den langen, schlanken Beinen, die wir deshalb – von Storch – Storky getauft haben, schaut zu uns herüber. Auch sie sehen wir oft im Kandinsky. Dann sind da noch diverse andere, ein verrückter Kräuterpflücker etwa und jede Menge Künstler, da sind wir uns sicher. Würde ja auch passen, bei dem Namen des Lokals.

Wir sind keine übermäßig scheuen Menschen. Auch haben wir in unserem Leben schon Gespräche begonnen. Doch irgendwas hält uns hier zurück. Vielleicht ist es das schöne Gefühl, nichts übereilen zu müssen. Zeit zu haben – in unserer Traumstadt, für unsere Traumstadt.

Doch beim Verlassen der Kneipe – vielleicht beschwingt durch die „Whiskystraße“, die wir genossen haben – werde ich mutig, als ich an Mathieu vorbeigehe. „Ciao, bis zum nächsten Mal“, rufe ich ihm zu. Er sieht erstaunt hoch. In den Mundwinkeln hat ein Lächeln geflackert, ich habe es bemerkt. Irgendwann, in zwei Jahren oder so, werde ich wissen, wie er heißt.


Fotos: Karla Letterman

Karla Letterman

Über Karla Letterman

Krimiautorin und Kolumnistin aus Lübeck. Stammt aus dem Harz und hat in Göttingen und Hamburg gelebt.
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